Yarns and Material like Colour


Das kontinuierliche Ergründen von Stoffen
hat Marialuisa im Jahr 1982 zum Experimentieren
veranlasst, was zu einem ganz eigenen Bearbeitungsverfahren
führte: der Stoff wird nicht mehr als zweidimensionale
Oberfläche gesehen, sondern als dreidimensionale Form,
in der er Falten wirft, Verbrennungen und Verkrustungen hat,
in der der Faden wieder aufgetrennt wird.

Marialuisa setzt dieses Experimentieren fort und untersucht weitere Materialien
wie Kunststoffe, Metalle, Garne, Bausche, Kordeln, Netze, alles das, was
eben durch eine Nadel passt. So durchkreuzen sich verschiedene Erfahrungen,
überlagern sich, wirken miteinander und rufen Empfindungen und Emotionen
hervor. Als technisches Hilfsmittel benutzt sie in ganz eigener Art die Nähmaschine.

Sie bewegt die Kompositionen frei unter der Nadel, arbeitet mit transparenten,
metallischen und, je nach Effekt und gewünschter Stickerei, farbigen Fäden,
alles ganz auf das Endergebnis hin bestimmt.

Marialuisa Sponga verwendet bei der Realisierung ihrer Werke eine Technik,
bei der die Assemblages mit moderner Stickerei gesteppt werden. Der
einzigartige Gebrauch von verschiedenen Materialien und ihren ganz besonderen
Farben verleihen den Werken die Eigenheit einer autonomen Sprache.

Besucht man Marialuisa in ihrem Atelier, ist man zutiefst beeindruckt von ihrem kreativen Enthusiasmus und der Vertraulichkeit mit den Kompositionen. Das Verletzen von Normen stellt ihre Entwurfslogik wieder her, die ihren Stil bestimmen. Man lernt eine Persönlichkeit schätzen, die in der Lage ist,
vielfältige Empfindungen zu übermitteln. Marialuisa Sponga arbeitet
normalerweise in grossen Dimensionen, wie in den Landkarten "Sentieri dell'Infinito", in denen die Weite der Landschaft dominiert, die sich in den
Triptychons mit 4 m x 1,85 Höhe auflöst. Sie verwendet hierzu konkrete
Materialien in dominanten Farben und Kupferdrähte, auf die sie Gazen
schichtet, oder sie arbeitet mit dreidimensionalen Kupferleinwänden oder
mit transparentem Zellophan, das durchscheinende Effekte verursacht,
Licht reflektiert und einfängt und andere Erscheinungen definiert, die mit dem
Ganzen zusammen spielen.
Caterina Amadasi     
    

 

Bevor sie sieht, fühlt sie.
Ihre Werke beziehen sich eher auf die Ertastbarkeit als auf das Sehvermögen.
Maria Luisa ist der Malerei nichts schuldig, das heisst es gelingt ihr, in die
Struktur der Faser zu dringen und aus diesem Eindringen heraus die Form
zu schaffen, die die Materie selbst eingibt. Die geeignetsten Begriffe für ihre
Arbeit des Grabens sind “De-strukturierung” und “Re-strukturierung”.

Wie sonst sollte man jenen Prozess beschreiben, bei dem sie den glänzenden
Einschlag vom matten Zettel trennt, um auf diese Weise die Schönheit der
Wellung, die während des Webens entsteht, zu offenbaren.

Die erste Stufe bei Maria Luisas Vorgehen ist also: auflösen, schauen, die Dinge
in ihrer Substanz verstehen. Aus diesem Moment heraus entsteht das Schaffen,
ein freier Akt, der die Regeln der Notwendigkeit auflöst um uns in ihre Unendlichkeit zu führen. Ihre Unendlichkeit ist abstrakt, aber nicht leer, voller Spuren und Überraschungen, voller unendlicher Weiten und kleiner Schluchten — Landschaft ist in der Tat eines der Themen, an denen sie am meisten gearbeitet hat. Auch hier der gleiche Prozess: eine Reise, die Erforschung, ständiges Erstaunen über neue Szenarien und dann, zu Hause, das “niedersetzen lassen”.

Schön ist es, sich Maria Luisa bei der Wiederholung der antiken Gesten der
Weberei vorzustellen: mit ihrem Auflösen kehrt sie in die Vergangenheit zurück,
verlässt das schon Gewusste, beginnt mit neuem Wissen, indem sie nur von sich und ihrem Zusammentreffen mit den Dingen ausgeht. Diese Freiheit hat sie sich in Jahren der Zusammenarbeit erobert: mit Marina Giannangeli, die sie dazu ermutigt, unterschiedliche Materialien miteinander zu verbinden; mit Rosella Cilano, die

Naturfarben benutzt; mit Helga und Lise Schwabl, die Filz verwenden. Verfahren, die die Avantgarde oft verachtet, dabei ist es gerade dieses ununterbrochene Üben, das ihren Geist befreit und die Materie qualifiziert — eine kostbare, hoheitliche, strahlende Materie. Maria Luisa gehört zwar ganz und gar zur Moderne, akzeptiert aber ihre zerstörerischen und opaken Aspekte nicht. Sie hat den Mut auf die Sinnfrage ganz einfach mit einem Lächeln zu antworten.

Gabriella Anedi de Simone     

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